Die Bürokratie hat eine Adresse
Eine Befragung unter HEV-Mitgliedern unterlegt mit Zahlen, was seit Jahren vermutet wird: Der administrative Aufwand im Umgang mit der Stadtverwaltung wird als Belastung erlebt, vor allem im Bereich Bau. Fast die Hälfte hat Verwaltungshandeln mindestens einmal als unnötige Bürokratie erlebt. Vier von zehn der Befragten dachten in den letzten zwei Jahren über einen Wegzug nach.Im Frühjahr 2026 wurden die Mitglieder des HEV Stadt St.Gallen gebeten, an einer Online-Umfrage zur Servicequalität der Stadtverwaltung teilzunehmen. Ziel war es herauszufinden, wo der Schuh im Umgang mit der Verwaltung konkret drückt und inwiefern administrative Verbesserungen oder regulatorische Anpassungen angestossen werden könnten.
Drei Studierende der Universität St.Gallen haben im Auftrag des HEV Stadt St.Gallen die Online-Befragung durchgeführt, anschliessend mit gezielten Interviews vertieft und die Resultate analysiert. 104 Mitglieder beteiligten sich an der Umfrage und bewerteten bis zu 15 Verwaltungsstellen entlang von acht Dimensionen, ergänzt um offene Antworten und vertiefende Gespräche. Die drei Studierenden Nadja Lacher, Kalina McCarthy und Owen Ranitzsch lieferten dem HEV damit spannende und aufschlussreiche Resultate.
Frust, der messbar wird
Die Ergebnisse bestätigen viele Vermutungen und einzelne Erlebnisberichte, die immer wieder an HEV-Vertreterinnen und -Vertreter herangetragen werden: Die Gesamtzufriedenheit mit der Servicequalität der Stadtverwaltung fällt verhalten aus. Gemessen an der Weiterempfehlungsbereitschaft, einem etablierten Mass aus der Kundenforschung, ergibt sich ein Wert von minus 30: 16 Personen würden die Stadtverwaltung weiterempfehlen, 47 hingegen nicht. Die zweite erschreckende Zahl: 42 % haben in den letzten zwei Jahren über einen Wegzug oder eine Verlagerung nachgedacht. Das Resultat zeigt, dass die Erfahrungen mit der Verwaltung einen Standortfaktor darstellen und mitentscheiden, ob man am Standort bleibt oder ob man sich mit möglichen Alternativen beschäftigt.
Viele Ämter überzeugen, ein Cluster fällt ab
Die meisten Verwaltungsstellen schneiden gut ab. Auf einer Skala von 1 bis 5 erreicht das Grundbuchamt 4.33 Punkte. Entsorgung, Stadtwerke und Verkehrsbetrieb erreichen ebenfalls über 4 Punkte. Das Bild kippt bei den bau- und bodennahen Stellen: Baubewilligungen (3.20), Stadtplanung (2.78), Tief- und Hochbauamt (2.70) und Denkmalpflege (2.08) bilden das untere Ende. Die Studierenden wollten von den HEV-Mitgliedern auch wissen, wo sie unnötige Bürokratie erkennen. 19 von 49 (oder 39 %) der Antworten fielen auf das Baubewilligungsverfahren, rund drei Viertel auf das gesamte Bau-Cluster.
Fehlende Koordination und Unverhältnismässigkeit
Die HSG-Studierenden verdichteten die Befunde zu drei Wirkungsfeldern mit besonders schlechter Bewertung. Erstens die Koordination (2.49 Punkte): Die Umfrage hat gezeigt, dass die Schnittstellen zwischen den Fachstellen ungenügend zusammenwirken. Es fehlt an einem One-Stop-Shop, der alle internen Stellen koordiniert.
Zweitens die Verhältnismässigkeit (2.43 Punkte): Verfahren von Kleinvorhaben werden oftmals als ähnlich komplex wahrgenommen wie Verfahren von Grossprojekten und passen damit nicht zur Komplexität des Anliegens. Als konkrete Beispiele genannt werden ein überdachter Veloplatz unter sechs Quadratmetern mit vollständigem Bauantrag oder ein Umbau mit Cheminee und Parkett mit dreifach Papier-Bewilligung plus einmal digital.
Medienbruchfreie Prozesse
Ein drittes Wirkungsfeld ist die Digitalisierung (2.62 Punkte, bei Transparenz im Verfahren): Stand und Dauer eines Verfahrens sind für Gesuchstellende nicht durchgängig nachvollziehbar. Von grossem Nutzen wird ein durchgängiger digitaler Prozess ohne Medienbrüche angesehen. Alle drei Wirkungsfelder zeigen sich unabhängig auch in den Gesprächen. Aus Sicht von Nadja Lacher, Kalina McCarthy und Owen Ranitzsch bieten die drei Wirkungsfelder Koordination, Verhältnismässigkeit und Digitalisierung eine belastbare Grundlage, um die Bürokratie in der Stadt St.Gallen gezielt zu reduzieren. Hier wird der HEV Stadt St.Gallen bei seiner politischen Arbeit weiter ansetzen.